25 Juni Josefitische statt abrahamitische Religionen? – Josef aus Bahá’í-Sicht
Am 11. Juni lud das Institut zur bereits 5. Emil-Frank-Lecture Trier in den Lesesaal der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier ein. In diesem Jahr hatten wir die Ehre, einen Vertreter des noch recht jungen Bahá’í-Glaubens, Dr. Sasha Dehghani, als Redner begrüßen zu dürfen. Der in Persien geborene Dr. Dehghani ist als Religionswissenschaftler am Center for the Study of Sacred Texts in Haifa, Israel, und am Bahá’í Chair of World Peace an der Universität Maryland in den Vereinigten Staaten tätig.
In seinem Vortrag zu „Josef in den abrahamischen Religionen und darüber hinaus“ beleuchtete der Referent die jüdischen, christlichen und muslimischen Deutungen der Geschichte von Josef und seinen Brüdern aus Genesis 37–50 und Sure 12 (Yūsuf) des Koran aus Perspektive der Bahá’í. Der Bāb (wörtl. „das Tor“) Siyyid Alí-Muhammad (1819–1850), Vorläufer des Religionsstifters Bahā’ullāh (wörtl. „Herrlichkeit Gottes“), mit bürgerlichem Namen Mírzá Husayn-ʻAlí (1817–1892), verfasste zu Beginn seiner Wirkungszeit 1844 einen Kommentar zur Sure 12, der im Bahá’í-Glauben den Stellenwert einer heiligen Schrift innehat. Die Bahá’í sehen in der Gestalt Josefs viele Eigenschaften der späteren Propheten verkörpert, zu denen sie auch den Bāb zählen. Zwischen der Typologie eines kommenden leidenden Messias bzw. Verheißenen und einer politischen Botschaft gegen den Missbrauch von Macht und Wissen gehört die Geschichte Josefs und deren Deutungen zu den Erzählungen, die den Glauben der Bahá’í zutiefst prägen.
Auch im Koran und im Buch Genesis kommt der Erzählung um den von seinen Brüdern verstoßenen Sohn Jakobs, der sich schlussendlich in Ägypten wieder mit ihnen versöhnt, ein besonderer Stellenwert zu. Denn die Geschichte Abrahams löst nicht die Konflikte zwischen den Familienmitgliedern, erst in dem vergebenden Handeln Josefs kann diese Lösung gefunden werden. Hätte Josef seinen Brüdern nicht vergeben, so hätte dies das Ende Israels bedeutet, nur gemeinsam können also die zwölf Brüder bzw. Stämme das Volk Israel bilden. Diese „Entfeindungsgeschichte“, wie Dr. Dehghani sie nennt, zeuge von der Möglichkeit, Neid und Aggression zu überwinden, und bilde in Anlehnung an die „Goldene Regel“ eine „Goldene Geschichte“. Diese wirke in Judentum, Christentum und Islam fort und bilde schließlich im 19. Jahrhundert die Grundlage für eine neue Religion, den Bahá’í-Glauben. Der Referent warf daher die originelle Frage auf, ob die abrahamitischen Religionen nicht eher als „josefitische“ verstanden und bezeichnet werden sollten.
Für Dr. Dehghani darf der interreligiöse Dialog in diesem Sinne nicht bei einem Minimalkonsens der Koexistenz stehen bleiben, sondern sollte vielmehr, wie bei der Betrachtung der Josefsgeschichte, die gemeinsamen Inhalte der Religionen auch auf einer konkreten Ebene, die der Versöhnung, thematisieren: Denn je höher wir unser Ziel im Sinne eines Ideals setzen, desto bessere Ergebnisse erzielten wir. Mit seinem bereichernden Vortrag gewährte Dr. Dehghani nicht nur tiefe Einblicke in die Deutungen der biblischen bzw. koranischen Gestalt Josefs, sondern förderte auch ein tiefergehendes Verständnis dafür, wie interreligiöser Austausch gemeinsame Früchte hervorbringen kann.
Text: Felix Rolinger Mag. theol.
Foto: Alexa Stephany