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Gernot Mittler wird neuer Schirmherr

Mit einer Feierstunde in der Synagoge in Wittlich hat das Emil-Frank-Institut am 25. November sein 10-jähriges Jubiläum begangen. Mittelpunkt der Feier war die Rede von Herrn Staatsminister a.D. Gernot Mittler, der die Schirmherrschaft über den Förderkreis des Instituts übernahm. Diese hatte bis zu seinem Tod der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel sel. A., ausgeübt.

In seiner Rede forderte Mittler ein sofortiges Verbot der NPD, die, so Mittler, Sammelbecken all dessen sei, "was unserem Lande Schande bringt". Die Arbeit des Instituts und im Besonderen von Institutsdirektor Professor Reinhold Bohlen lobte Mittler ausdrücklich und wies auf den Wert und die Bedeutung des Instituts hin.

In der Feierstunde wurde auch die neue CD-ROM vorgestellt, in der multimedial das jüdische Leben in Wittlich erschlossen wird. Mit vielen historischen Bildern und Dokumenten, aber auch Ton- und Videoaufzeichnungen wird das Leben der "Juden in Wittlich", so der Titel der CD, veranschaulicht.

Seitens der Universität Trier, an der das Institut angebunden ist, richtete Präsident Prof. Peter Schwenkmezger ein herzliches Grußwort an die Festversammlung. Desgleichen sprachen Gerd Voremberg für den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, der Erste Beigeordnete der Stadt Wittlich, Albert Klein, sowie Dr. Karl-Heinz Musseleck, der Vorsitzende des Förderkreises, dem Institut und seinen Mitarbeitern einen herzlichen Dank für die geleistete Arbeit aus.

Die Multimedia-Präsentation ist ab sofort zum Preis von 15,90 € im Institut erhältlich. (Ggf. zzgl. Versandkosten in Höhe von 2,45 €) Ich danke Ihnen sehr herzlich dafür, dass Sie mir die Schirmherrschaft für das Emil-Frank-Institut angetragen haben, die ich sehr gerne übernommen habe. Ich empfinde es als große Ehre, diese Aufgabe als Nachfolger des verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, des unvergessenen Paul Spiegel, wahrnehmen zu können.

Viele von uns hier erinnern sich lebhaft an den Besuch, den Paul Spiegel vor genau sieben Jahren dem Emil-Frank-Institut und der Stadt Wittlich abgestattet hat und an seine außerordentlich beeindruckende Rede vor 600 Zuhörerinnen und Zuhörern. Spiegel berichtet aus seinem wechselvollen und, zu Kinderzeit, leidvollen Leben; von der Fluch gemeinsam mit der Mutter und der Schwester ins benachbarte Belgien, wo sie bei einer katholischen Bauernfamilie Unterschlupf fanden und wo er gemeinsam mit der Mutter in der Illegalität überlebte, die Schwester jedoch ins Konzentrationslager Auschwitz verbracht und dort vergast wurde; ein Kind, vergast, nur weil es jüdische Eltern hatte!

Die Rede war von dem Vater, der 1945 aus dem KZ Dachau befreit wurde und darauf bestand, dass die Familie wieder ins westfälische Warendorf, nach "zu Hause", zurückkehrte; man mag erahnen, was das hieß- nach Hause!
Und natürlich hat der höchste Vertreter der Juden in Deutschland gesprochen über das jüdische Leben in Deutschland nach dem Krieg, das sich erst wieder langsam entwickelte, und auch über seine Einschätzung der aktuellen politischen Lage, insbesondere die Entwicklung des wieder erwachten Rechtsextremismus. "Niemand", so Paul Spiegel, "wird als Rassist oder Antisemit geboren. Alle sind gefragt, damit auch niemand dazu wird." 

In bezug auf das Emil-Frank-Institut fand er höchstes Lob: "Ich bin überwältigt von dem, was ich hier gesehen habe", sagte er. Und heute führt uns das Emil-Frank-Institut erneut zusammen, im 10. Jahr seines Bestehens. […] 

Das Emil-Frank-Institut als Einrichtung der Universität Trier und der Theologischen Fakultät hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Wissen und Wesen und Geschichte des Judentums die Begegnung von Juden und Nichtjuden zu fördern. 
Begegnung fördern! Zusammenführen! Den Spuren nachgehen! Das ist es, was wir brauchen! Und Sie tun es auf vielfältige und großartige Weise. Die Jahresberichte, die übrigens eine wahre Fundgrube sind und die über Ihr verdienstvolles Wirken Auskunft geben, belegen es. Begegnung - Zusammenführe - Spurensuche: Dies ist außerordentlich bedeutsam, und das Eine. Das Andere, allerding ebenso wichtig, ist der Diskurs, den Sie führen, für den Sie Plattform und Bühne sind. 
Die Verwandtschaft Ihres Instituts und die Verbundenheit mit der theologischen Wissenschaft ist ein hohes Gut, ein Schatz gar. Ich darf daran erinnern, dass der Trierer Bischof Reinhard Marx ebenso wie sein Vorgänger Hermann Josef Spital dem Institut einen Besuch abgestattet und damit ihre Aufmerksamkeit und Verbundenheit zum Ausdruck gebracht haben. Diese Nähe erleichtert und fördert den Dialog zwischen Juden und Christen, zwischen der jüdischen und christlichen Tradition und Kultur, die ja beide Töchter Abrahams sind. 

Wo und wie sollten Diskurs und Dialog besser gelingen als unter Geschwistern, als in geschwisterlichem Geist? Und für dieses Gelingen tragen wir allesamt eine große Verantwortung, aus und gerade wir Christen. 
In zutiefst davon überzeugt, dass der Dialog umso erfolgreicher sein wird, je offener und ehrlicher er von beiden Seiten geführt wird; auf der Grundlage der jeweils eigenen und eigenständigen Position, und ohne Beliebigkeit, aber voller Respekt vor dem Partner, vor der Position des Anderen. 

Dazu gehört die Bereitschaft des Zuhörens und des Sich-Aufeinander-Einlassens, auf die Neugierde für das Andere, das "Fremde"; das Fremde verstanden nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung des Eigenen.

Und wenn der Dialog nicht gelänge? Wenn statt des Aufeinander-Zugehens der Dissens, vielleicht gar die Abneigung wüchse? Wenn statt des Vertrauens das Misstrauen überhand nähme? Wenn schließlich gar alte Ressentiments neu entstünden und ein Rückfall in altes Denken und in überwunden geglaubte Verhaltensmuster? Das wäre fürwahr ein Desaster, ein Verhängnis.
Täuschen wir uns nicht: Der Antisemitismus ist keineswegs tot und die Fremdenfeindlichkeit auch nicht, und gerade wir Deutsche haben bitter erfahren und wissen, dass Fremdenfeindschaft und Judenhass schon immer Geschwister, die Kinder einer Mutter, gewesen sind; und wir wissen auch, was diese Geschwisterpaar im deutschen Namen in Deutschland und in Europa angerichtet hat. Und damit bin ich bei einer sehr aktuellen Herausforderung, von der auch Paul Spiegel vor sieben Jahren hier gesprochen hat, und die inzwischen nicht kleiner geworden ist. "Fremdenfeindlichkeit", so der Vorsitzende des Zentralrates wörtlich, "ist eine Schande für eine demokratische Gesellschaft." 

Wie gesagt, die Herausforderung Rechtsradikalismus ist nicht kleiner oder geringer geworden, im Gegenteil. Es sind ja nicht nur die Gewalttaten und die Hatz auf ausländische Mitbürger, auf Missliebige, die man wie Freiwild durch unsere Städte jagt und krankenhausreif schlägt. Es ist die unerhörte und unglaubliche Leugnung dessen, was wir den Holocaust nennen, die unsägliche Beleidigung und Verhöhnung der Opfer, und es ist die böswillige Verweigerung der geschichtlichen Wahrheit. Es ist auch die unverschämte Verbrämung von Begriffen wie Ehre und Treue, um dahinter die Absicht und auch Entschlossenheit zu verbergen, alles das zu ersticken, was seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland Konsens unter den Demokraten in diesem Land gewesen ist wenn man denn die Gelegenheit dazu hätte. 

Richard von Weizsäcker hat in seiner Abschiedsrede als Bundespräsident am 1. Juli 1994 folgendes ausgeführt: "In jüngster Zeit haben wir überall in Deutschland schändliche Gewalttaten geegen Habe, Leid und Leben von Nichtdeutschen erlebt. Es sind Einzeltaten ohne zentrale Planung, jedoch nicht ohne Anstiftung. Sie entstammen einem überwiegend rechtsextremistisch erzeugten Klima, das sich aus Parolen und Aufmärschen, aus Pamphleten und Symbolen speist. Da möge niemand von Zufallslaunen oder, wie neulich, von unvorhersehbaren, spontanen Jagden auf Ausländer sprechen, um sich dann erst eines späteren Tages zu fragen, wie es dazu hatte kommen können. Eines Tages? - Das ist immer heute! Für die Ordnungskräfte des Staates ebenso wie für uns als Mitbürger." 

Das war 1994, und seither haben wir manches erlebt mit den Rechten und ihren Schlägertrupps, ganz aktuell sogar: In dieser Woche wurde berichtet, wie im sächsischen Mittweida Anfang November vier junge Neonazis ein Kind ausländischer Herkunft herum schubsten und bedrängter und sodann eine 17 Jahre junge Frau, die dem Kind zur Hilfe kommen wollte, zu Boden warfen und ihr ein Hakenkreuz in die Haut schnitten. 
Die NPD, Sammelbecken und Hort all dessen, was unserem Volk zu Unehre oder besser gesagt zur Schande gereicht, sitzt in mehreren Landtagen, und sie wird entsprechend ihrem Wähleranteil auch noch mit Steuergeldern finanziert. Ich halte das für unerträglich. Was eigentlich, so frage ich, muss noch passieren an Gewalttaten, an programmatischem Vorgaben und an Zumutungen, bis es zu einem Verbotsantrag für die NPD vor dem Verfassungsgericht kommt? Worauf warten wir noch? Darauf vielleicht, dass es "eines Tages" geschehen wird? "Eines Tages - das ist immer heute!"

Doch es geht nicht nur um das, was Gerichte, was die staatlichen Institutionen leisten können und zu leisten haben, sondern, wie Weizsäcker sagt, auch um unsere Verantwortung als Mitbürger. Hinsehen - nicht wegschauen! Sich einmischen - nicht sich heraushalten! Sich in den Weg stellen - nicht mit schwimmen. Der schweizerische Dichter Gottfried Keller hat es einmal so formuliert: "Regierungen und Bataillone können Freiheit und Recht nicht schützen, wo der Bürger nicht selbst in der Lage ist, vor die Haustüre zu treten, um nachzusehen, was es gibt." 
Das Emil-Frank-Institut ist nicht nur ein Ort des Klugen Dialogs und der stillen Suche nach Spuren, die die jüdische Kultur hier in Wittlich und in der weiten Umgebung hinterlassen hat; sie ist auch und nicht zuletzt ein Zeichen wider das Vergessen, das von einer selbst- und geschichtsbewussten Bürgerschaft aufgerichtet wurde. Möge es noch lange und kraftvoll ins Land hinaus leuchten, vielleicht in dem Sinne, wie Bert Brecht es in seiner "Kinderhymne" beschrieben hat: 

Anmut sparet nicht, noch Mühe
Leidenschaft nicht, noch Verstand
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein and'res gutes Land.

Dass die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie anderen Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Anderen Völkern woll'n wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dieses Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das Liebste mag's uns scheinen
So wie anderen Völkern ihr's.