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Am 28. November besuchten Farley und Allen Kaufmann aus Minneapolis mit ihren Familien Wittlich und Lösnich. Ihre Großeltern Eduard und Sibilla Kaufmann waren 1926 von dem Moseldorf nach Wittlich in die Tiergartenstraße gezogen. Sie führten eine kleine Sattlerwerkstatt und litten – wie alle anderen Wittlicher – schwer unter der Wirtschaftskrise. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wurden die Verhältnisse für Sie und ihre Kinder Kurt (geb. 1921) und Ilse (geb. 1923) immer bedrückender. Im Gegensatz zu anderen Wittlicher Juden hatten sie keine Verbindungen ins Ausland und verfügten auch nicht über die finanziellen Mittel, um aus Deutschland zu emigrieren. So gehörten sie zu den letzten Wittlicher Juden, die am 10. November 1938 die Zerstörung der Synagoge sowie weiterer jüdischer Wohn- und Geschäftshäuser miterleben mussten. Auch ihr eigenes Anwesen wurde schwer verwüstet. Danach entschlossen sie sich dazu, in der Anonymität der Großstadt Köln abzutauchen, wo v.a. Kurt immer wieder zu Zwangsarbeiten herangezogen wurde. Doch das Schlimmste stand ihnen noch bevor...

Im Oktober 1941 wurde Eduard mit einem Sammeltransport in das Ghetto nach Lodz deportiert, im Dezember die übrigen Familienmitglieder in das Ghetto nach Riga. Vor ihrer Ankunft hatte die SS dort die einheimischen Juden erschossen, um Platz für die Neuankömmlinge zu machen. Auch Sibilla, Kurt und Ilse Kaufmann wurden später getrennt und in verschiedene Arbeits- und Konzentrationslager weiter verbracht. Der Vater Eduard wurde 1942 in Lodz, Mutter Sibilla 1944 in Auschwitz ermordet. Kurt und Ilse überlebten ausgezehrt und schwer gezeichnet, zuletzt waren sie im Konzentrationslager Stutthof. Ilse, die erst nach langem Krankenhausaufenthalt und einer Amputation ihres während des Todesmarsches erfrorenen Beines wieder einigermaßen zu Kräften kam, hat die schrecklichen Erfahrungen nie überwunden. Ihr Bruder Kurt fand sie nach dem Krieg und gemeinsam hielten sie sich noch einige Zeit in Deutschland, auch in Wittlich auf, bevor sie dann 1948 in die USA emigrierten.

Im Übrigen war es Kurt Kaufmann, der das erhaltene Fragment einer Wittlicher Torarolle nach dem Novemberpogrom in Sicherheit brachte. Es wurde in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in ihrem ehemaligen Anwesen gefunden. Für seine Söhne Farley und Allen war es während des Besuches im ehemaligen Wohnhaus der Familie sowie im Emil-Frank-Institut und in der Synagoge vor allem wichtig zu sehen, dass das furchtbare Schicksal ihres Vaters, ihrer Tante und ihrer Großeltern in Wittlich aufgearbeitet wird und das von Kurt in Sicherheit gebrachte Torarollenfragment einen gebührenden Platz in der Ausstellung in der Synagoge erhalten hat.

Farley Kaufmann, Familie Schröder und Allen Kaufmann (v.l.n.r.) vor dem ehemaligen
Wohnhaus der Familie Kaufmann in der Tiergartenstraße