Erinnerung an den 10. November 1938 in Wittlich

 

161109 MahnwacheTrotz Regen und Kälte versammelten sich knapp 100 Wittlicher wie in jedem Jahr auf dem Marktplatz, um den jüdischen Bürgern der Stadt, denen am 10. November 1938, während des Novemberpogroms unendlich viel Unrecht und Leid seitens ihrer nichtjüdischen Nachbarn angetan wurde, zu gedenken.

In den meisten deutschen Städten wurde das Pogrom am 9.11.1938 inszeniert; aus „Personalmangel“ konnten die Nazis in den kleineren Orten mit Unterstützung der faschistischen Verbrecher aus den Nachbarstädten erst am 10.11.1938 ihre Greueltaten ausüben, so auch in Wittlich, wo „hilfsbereite“ Braunhemden aus Trier anreisten.

 

Der Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde Wittlich“, das Emil-Frank-Institut und das Kulturamt der Stadt Wittlich hatten die Bevölkerung um Teilnahme an der Mahnwache auf dem Marktplatz gebeten. Eine jüdische Französin aus Brunoy, der Partnerstadt Wittlichs, reiste explizit für diese Veranstaltung nach Wittlich und ergriff die Gelegenheit, das Kaddisch öffentlich zu beten. Gemeinsam gingen die Menschen nach einer Stunde des stillen Gedenkens zur Synagoge, wo Bürgermeister Rodenkirch und der Erste Beigeordnete Klein Kränze niederlegten. Rodenkirch mahnte mit wenigen Worten, aus dem Gedenken an die Vergangenheit warnende Aufmerksamkeit für Gegenwart und Zukunft zu schöpfen.

161109 Theater„Ich bin ein Kontinent“ nennt das bbt bewegtbildtheater das Stück, das sie nach der Erzählung „Susanna“ der Dichterin Gertrud Kolmar, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1943 in Auschwitz ermordet wurde, schrieben. Verwoben mit Gedichten, Kunstwerken aus Sprachbildern, die berühren und bewegen, und von Johannes Conen vertont und auf der Gitarre gespielt werden, entstand eine dramatische Darstellung, die ob ihrer Inszenierung fasziniert. Susanna, eine 20jährige „gemütskranke“ Frau, wird während des Nationalsozialismus von einer älteren Erzieherin in einer ostdeutschen Kleinstadt betreut. Die Schauspielerin Martina Roth spielt beide Rollen: auf der Leinwand mimt sie die vernünftige Erzieherin, neben der Leinwand in realitas die vor Phantasie sprühende in ihrer Welt lebende junge Frau. Beide sind Jüdinnen, was die eine als Makel, die andere als königliches Geschenk empfindet. Der Mann, den Susanna zum Entsetzen ihrer Erzieherin liebt, verlässt sie, die Jüdin. Der Versuch, ihm zu folgen, endet für die junge Frau tödlich.

Nach langem Applaus verließen nachdenkliche Menschen das gut besuchte Theaterstück, mit dem die Gedenkveranstaltung an die entsetzlichen Novembertage des Jahres 1938 in Wittlich endete. In der Region nimmt Wittlich mit der Ernsthaftigkeit, Kontinuität und dem Engagement sowohl in personeller als auch finanzieller Hinsicht eine Vorbildfunktion wahr, die den Bürgerinnen und Bürgern, Rat und Verwaltung, wichtig und kostbar ist.